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Die Band Kraftwerk hat zwei Konzerte am Bauhaus in Dessau gegeben. Gut eine Woche vor der
Wahl in Sachsen-Anhalt war der Termin ein politisches Statement: Denn die AfD stellt die Moderne ins Zentrum ihres Kulturkampfes
Wer zu einem Konzert der Gruppe Kraftwerk auf der, klar, Autobahn von Berlin nach Dessau fährt, auch weil man der Bahn nicht traut und man auf dem nächtlichen Rückweg nicht stranden möchte, sieht den Hashtag auf der Grenze zu Sachsen-Anhalt sofort auf den Schildern: "#moderndenken" steht da am Straßenrand. Es passt alles wunderbar: Bauhaus, Dessau, Kraftwerk, Moderne!
Aber bevor man mehr als zwei Stunden lang nachträglich auf Techno gepimpte Kraftwerk-Lieder aus den 1970ern und den frühen 1980ern hört und das Bauhaus-Gebäude im futuristischen Rot der "Mensch-Maschine" erstrahlt, im "Autobahn"-Blau leuchtet, bevor die geschätzt 2000 Leute im Publikum von einem schwarzweißen "Trans Europa Express" auf der Leinwand schier überfahren werden und ganz am Ende "Das Model" die glatten Oberflächen der Moderne gleichermaßen feiert wie melancholisch betrauert, bis dahin muss man auch sagen, was historisch und politisch alles leider viel zu gut zueinander passt. Erst diese schrecklichen Verbindungen verschieben das retrofuturische Konzert der vier Männer um Gründungsmitglied Ralf Hütter (80) in einen solidarischen Akt.
Vor 101 Jahren zog, nein floh das Bauhaus, diese deutsche und internationale Ausbildungsstätte, Werkstatt und Think-Tank der Architektur- und Designmoderne, von Thüringen nach Sachsen-Anhalt. In Weimar erreichte eine Allianz aus konservativen bis rechtsbürgerlichen Parteien und der rechtsextremen Vereinigten Völkischen Liste (VVL) die Mehrheit und kündigte dem Bauhaus die Verträge. Die VVL waren die Nazis, eine Tarnorganisation der 1923 nach dem Hitler-Putsch verbotenen NSDAP.
Bauhaus als Feindbild
Am Wochenende spielte die deutsche und international bekannte Band Kraftwerk, diese so visuelle wie musikalische Megamarke der elektronischen Popmoderne, zwei Konzerte im Hof des Bauhaus-Gebäudes in Dessau-Rosslau, wie der Ort mittlerweile nach einer Eingemeindung heißt. Am 6. September wählt das Land Sachsen-Anhalt, und im schlimmsten Fall braucht es keine Koalition mehr, damit die AfD auch allein regieren kann. Von neun bis zehn Prozent, wie sie die Vereinigte Völkische Liste vor 100 Jahren in Thüringen erreichte, können demokratische Kräfte in Deutschland aktuell nur träumen.
Man kann ausgiebig vor kruden Analogien zwischen dem Aufstieg der NSDAP und jenem der AfD warnen, und das zu Recht. Und man kann sich das Parteiprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt anschauen. Darin ist zu lesen, das Bauhaus stehe für das Gegenteil der deutschen Verwurzelung und den "Irrweg der Moderne". In der Logik der AfD versucht die aktuelle Regierung, aus diesem undeutschen Geist eine deutsche Identität abzuleiten. Ein weiteres Zeichen dafür, dass Deutschland "krank" sei und "geheilt" werden müsse.
Wer hier noch immer keine Parallelen zur NSDAP sehen will, sympathisiert entweder schon mit der AfD oder schützt sich zumindest vor zu vielen schlechten Nachrichten. Letzteres wäre verständlich.
Kraftwerk und das Bauhaus sind vom gleichen Geist
Allzu viele Kraftwerk-Fans aus Berlin scheinen bei den Konzerten gar nicht in Dessau vor Ort zu sein. Der Vibe vermittelt eher Volksfest; ob in Ostdeutschland oder woanders abseits der Zentren wäre schwer zu sagen. Die Bier- und sogar Bowle-Stände, die Grillgut-Ausgabestellen und das rote Nacho-Zelt clashen mit den klaren und von außen eher grauen (innen aber bunten) und stets aufgeräumten Formen der Bauhaus-Gebäude.
Wenn nun über 40 Prozent eine mindestens in Teilen rechtsextreme Partei wählen, die auch die Bauhaus-Museen in ihrem aggressiven Kulturkampf am liebsten gleich abwickeln würde, müssten unter den 2000 friedlichen älteren Menschen in Funktionskleidung und Kraftwerk-Shirts auch AfD-Wählerinnen sein. Die Frage ist, ob sie das Programm der Partei kennen, oder ob auch das so egal zu sein scheint wie die mitunter unverhohlenen Nazi-Anklänge des AfD-Personals.
Kraftwerk-Mitglied Ralf Hütter ist kein Mann, der offensiv für oder gegen dieses oder jenes Ansprachen hält. Aber das von ihm verwaltete Lebenswerk eine Woche vor der
Wahl ausgerechnet am Bauhaus zu spielen, ist als Botschaft klar genug. Das Bauhaus und Kraftwerk liegen zwar ein halbes Jahrhundert auseinander, aber sie sind durchweht vom gleichen Geist.
Zur Moderne wippen
Diese Haltung kann man vielleicht so beschreiben: Klarheit, Fortschritt, Technologie – gute Formen, die im Idealfall gut zu den Menschen passen und sich von Verzierungen, Tand und Vermüllung des Wohnraums verabschieden. Man sitzt, liegt, oder wohnt gut in Bauhaus-Produkten (dass die Wohnsiedlungen, die auf das Bauhaus zurückgehen, sozial nicht so aufgeräumt waren, ist eine andere Geschichte).
Oder man kann zu dieser Moderne angenehm wippen, tanzen und bei Kraftwerk immer auch ein bisschen träumen. Das alles ist unter anderem deshalb so, weil Möbel, Häuser und auch die Musik in der Regel genug Leerraum lassen, genug Luft und auch genug Licht, damit ein moderner Mensch sich darin selbst ein paar Gedanken machen kann und nicht dauernd alles daran messen muss, ob es nun möglichst "deutsch" genug sei für die AfD.
Das einzige, was die aktuelle Multimedia-Show von Kraftwerk selten verändert, sind die vergleichsweise gemächlichen Tempi, die in den letzten 50 Jahren in der Popmusik angezogen haben. Die Luftwurzeln zwischen Europa und der USA sind komplex. Es ist immer eine grobe Vereinfachung zu sagen, dies und nur das habe zu jenem geführt, wenn die Vervielfältigung der Schallplatten, das Massenmedium Radio und später sogar das Fernsehen so viel Musik hin und her über das Meer schicken konnte.
Techno-Wummsmucke mit Geschichte
Aber man sagt gern, dass Kraftwerk (besser: einzelne Songs, noch besser: einzelne Sounds oder Rhythmen) sowohl Hip-Hop als auch Techno gebären half, weil Afrika Bambaataa in New York den Beat und ein paar Sounds von "Trans Europa Express" nachspielte und Juan Atkins in Detroit auf die vielen aufsteigenden Blubbereffekte von Kraftwerk stand, etwa bei "Im Spiegelsaal". Das war in den frühen 1980er-Jahren.
Und nun klingen die Sounds und
Beats bei Kraftwerk sehr viel stärker nach Techno als es die fragilen Alben ihrer Blütezeit je taten. Ralf Hütter hat dem Werk der Band nachträglich die Signaturen jener eingeschrieben, die von Kraftwerk beeinflusst wurden. Es klingt ein wenig wie Techno-Wummsmucke, einfach mit den berühmten Melodien und Geräuschen und mit niedrigerem Tempo.
Was manche nicht mehr wissen: Gerade in vielen Regionen im Osten Deutschlands wurde harter Techno nach der Wende auch von rechten Jugendlichen geschätzt (während linke lieber Hip-Hop hörten). Kurz: Es gibt keine nur der Musik innewohnende Progressivität.
Wir sind Bauhaus, wir sind Kraftwerk
Aber auch, wenn die sagenhaften Albumgrafiken, Fotostrecken auf Innenhüllen und die historischen Auftritte der Band klar auf die Bauhaus-Zeit zurückgreifen und die vier Männer (neben Hütter der verstorbene Florian Schneider als Co-Leader der Band, Karl Bartos und Wolfgang Flür) dabei lange auch feine und zarte Dandys gaben, die dem letztlich maskulinen Roboterkram und den harten
Beats zum Opfer gefallen sind, signalisiert der Auftritt vor dieser Kulisse unmissverständlich: Wir sind Bauhaus, wir sind Kraftwerk.
Und selbst, wenn die großen Errungenschaften von beiden Phänomenen in der Vergangenheit liegen, sind es Beispiele dafür, wie sehr etwas einen deutschen Markenkern haben kann und dieser just im Moment seines globalen Erfolgs wieder verpufft. Die Glas- und Stahlfassaden in den Metropolen dieser Welt gehen zwar auf das Bauhaus zurück, sind aber so wenig deutsch wie die globale Feiermusik Techno, zu deren Ahnen sich in Dessau entspannte Ostdeutsche und Zugereiste bewegt haben. Wer da noch immer das Deutsche sucht und von allem anderen "heilen" möchte, will nicht die Kunst finden, sondern sucht die Gewalt.
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