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"Wenn wir lange testen, riskieren wir viele Tote"
Johannes Löwer, Chef des Paul-Ehrlich-Instituts, über den besten Weg angesichts einer großen Grippewelle im Herbst
Herr Professor Löwer, Experten rechnen mit einer großen Schweinegrippe-Welle im Herbst. Warum gerade dann?
Die Erreger lieben kühles, feuchtes Wetter. Wie alle Grippeviren werden sie per Tröpfcheninfektion weitergegeben - im Sommer trocknen diese Tröpfchen, die beim Husten, Niesen oder Sprechen entstehen, viel schneller aus.
Kommt der Impfstoff Mitte Oktober dann nicht ein bisschen spät?
Es ist natürlich ein Wettlauf, aber ich denke, dass wir ihn aufnehmen sollten. Ich hoffe, dass die ersten Chargen schon Ende September bereit stehen und dass die bestellten 50 Millionen Dosen im Dezember da sein werden.
Wer sollte dann zuerst geimpft werden: Diejenigen, die das Virus schnell verbreiten, sprich Schulkinder, oder Schwangere und chronisch Kranke, bei denen die Schweinegrippe erfahrungsgemäß schwer und mitunter tödlich verläuft?
Das Ziel, die Verbreitung des Erregers einzudämmen, scheint nicht mehr realistisch zu sein. Die Bundesregierung verfolgt daher die Strategie, die Zahl der schweren Krankheits- und Todesfälle zu minimieren. Daher sollen - neben dem medizinischen Personal, der Polizei und Feuerwehr - vorrangig Schwangere und chronisch Kranke, egal welchen Alters, geimpft werden. Dieser Plan wird von der Ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Instituts derzeit geprüft; eine Stellungnahme wird die Kommission voraussichtlich Mitte September abgeben.
An Kindern und Schwangeren wurde der Impfstoff noch nicht getestet.
Bislang gibt es keine Hinweise, dass seine Inhaltsstoffe - die ja bis auf das Antigen des Erregers nicht neu sind - Kinder oder Schwangere gefährden könnten. Natürlich gibt es Stimmen, die behaupten, dass man das Immunsystem von Schwangeren nicht stimulieren dürfe, da ansonsten das Risiko einer Fehlgeburt steige. Das werden wir sorgfältig prüfen. Wenn wir den Impfstoff vor der Zulassung an tausenden schwangeren Frauen testen, riskieren wir, dass viele Menschen an der Schweinegrippe sterben, die mit einer Impfung hätten gerettet werden können.
Kritiker sprechen von einem Großversuch an der Bevölkerung.
Diese Aussage kann ich nicht nachvollziehen. Der jetzt bei der Firma GlaxoSmithKline bestellte Impfstoff unterscheidet sich hinsichtlich seines Herstellungsverfahrens nicht von den bewährten Impfstoffen gegen die saisonale Grippe. Und die zugefügten Adjuvanzien - sie bewirken, dass schon geringe Antigen-Mengen einen Schutz aufbauen und somit mehr Menschen gegen die Schweinegrippe geimpft werden können - sind alle biologischen Ursprungs: Vitamin E und Squalen stecken auch in Pflanzenölen, Polysorbat wird aus Getreide gewonnen. Alle drei Substanzen sind in vielen Arznei- und Lebensmitteln enthalten. Übrigens gehen andere europäische Länder ähnlich vor: Großbritannien zum Beispiel hat meines Wissens 90 Millionen Impfdosen bestellt.
Das in dem Impfstoff ebenfalls enthaltene, quecksilberhaltige Konservierungsmittel Thiomersal wurde aus Impfstoffen, die für Kinder gedacht sind, vor Jahren entfernt.
Das geschah vorsorglich und war möglich, weil diese Impfstoffe in Einzelportionen angeboten werden. Der Impfstoff gegen die Schweinegrippe kommt in Fläschchen mit zehn Dosen - weil er so rascher und preisgünstiger hergestellt werden kann.
Das heißt, die Hersteller verdienen dadurch noch mehr an ihm?
Ich weiß nicht, wie viel die Pharmafirmen an dem Impfstoff verdienen werden. Vor allem bedeutet es, dass Krankenkassen und Steuerzahler weniger zahlen müssen. Profitgier kann man den Herstellern nicht vorwerfen. Eine zweifache Impfung, wie sie vorgesehen ist, soll 28 Euro kosten - für eine Einzeldosis Impfstoff gegen die saisonale Grippe zahlt man in der Apotheke rund 20 Euro. Außerdem war es die WHO, die die Pharmafirmen aufgefordert hat, einen Impfstoff gegen die Schweinegrippe zu entwickeln. Und was das Thiomersal betrifft: Die in einer Impfdosis enthaltene Menge Quecksilber liegt mit maximal 12,5 Mikrogramm weit unter dem zulässigen Grenzwert von 96 Mikrogramm pro Woche.
Das heißt, mit Nebenwirkungen der Impfung ist nicht zu rechnen?
Bislang ist der neue Impfstoff einigen hundert Menschen testweise verabreicht worden. In den klinischen Studien für die Musterimpfstoffe waren es einige tausend. Abgesehen von leichtem Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen sowie lokalen Hautreaktionen - alles Symptome, die für ein stimuliertes Immunsystem typisch sind - waren bei ihnen keine Nebenwirkungen zu beobachten. Ob das gefürchtete Guillain-Barré-Syndrom, eine Entzündung der peripheren Nerven, auftreten wird, müssen wir abwarten. Da die Krankheit extrem selten ist, wären auch klinische Studien mit tausenden Menschen hier wenig aussagekräftig.
Virenforscher warnen immer wieder, dass das Schweinegrippevirus künftig noch gefährlicher werden könnte. Würde der jetzige Impfstoff gegen ein Killervirus überhaupt helfen?
Solange sich das Oberflächeneiweiß Hämagglutinin, kurz H genannt, nicht verändert, bleibt der Impfstoff wirksam. Eine Vermischung mit Erregern der saisonalen Grippe, die eine Variante des H1 besitzen, bliebe folgenlos, da diese Variante vom Impfstoff gegen die saisonale Grippe abgedeckt wäre. Anders sähe es bei einer Vermischung mit Vogelgrippeviren aus: Sie besitzen die Variante H5, gegen die keiner der Impfstoffe Schutz böte. Glücklicherweise werden Vogelgrippeviren bislang nicht von Mensch zu Mensch übertragen. An natürliche Mutationen werden wir den Impfstoff vielleicht nächstes Jahr anpassen müssen - für diese Saison bietet er ausreichenden Schutz.
Auch gegen die saisonale Grippe?
Nein, denn sie wird durch andere Viren hervorgerufen. Der diesjährige Impfstoff gegen die saisonale Grippe schützt vor Influenza-B-Viren sowie vor zwei Influenza-A-Stämmen, einer gängigen H1N1-Variante und einer H3N2-Variante. Ältere und chronisch kranke Menschen sollten sich also auch in diesem Jahr gegen die saisonale Grippe impfen lassen.
Gibt es für sie ausreichend Impfstoff?
Ja, die Herstellung war bereits abgeschlossen, bevor mit der Produktion des Schweinegrippe-Impfstoffs begonnen wurde.
Für den die Menschen dann vielleicht bald vor den Gesundheitsämtern Schlange stehen werden?
Wie man die Impfempfehlung, Risikogruppen Vortritt zu lassen, praktisch umsetzen wird, weiß ich nicht. Die Bundesländer entwickeln zurzeit entsprechende Strategien.
Kann bei großer Nachfrage Impfstoff nachbestellt werden?
Ziel ist es, 80 Prozent der Bundesbürger die Impfung anzubieten. Dafür wäre es nötig, bei GlaxoSmithKline und auch bei Novartis weitere Chargen zu bestellen.